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Disney Micky Epic

Micky wird episch

Dunkelheit, Surrealismus und Limbuswelt für ins Vergessen geratene Comicfiguren. Hört sich das nach einem Micky Maus-Spiel an? Nein, und genau deswegen ist Epic Mickey richtig interessant. Jonas Elfving hat Warren Spector, den Erschaffer des Spiels, in London getroffen.

  • Jonas Elfving
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Irgendwo in London. DJ Irgendwer pumpt lautstarke Beats in den geziegelten Partykeller und synchronisiert sein Scratchen mit an die Wände projizierten Sequenzen aus Steamboat Willie (dem ersten vertonten Micky Maus-Zeichentrickfilm überhaupt). Micky Maus soll "wiedererfunden" werden. Die Entwicklerlegende und Deus Ex-Erschaffer Warren Spector hat gerade auf der Bühne, die jetzt von DJ Pling Plong beherrscht wird, über die fortlaufenden Reinkarnationen der Maus gesprochen. Und darüber, wie albern Micky im 80er-Jahre-Kostüm mit Schulterpolstern war.

Diese treffende Aussage wird in just dem Moment ironisch, als Mickys schwarzweißer, tierquälerischer Kreuzfahrtdampfer in MTV-Manier in spastische Loops zerschnippelt wird und damit die Gegenwartsfixierung exakt dasselbe Niveau erreicht. Aber es ist der Gedanke hinter dem Spiel Epic Mickey und nicht all der Presserummel rundherum, der wirklich interessant ist. Warren Spectors Titel, der exklusiv für die Wii rauskommt, braucht weder DJ Heyhop oder Schlagwörter wie "Micky Maus des 21. Jahrhunderts", um interessant zu sein.

Disney Micky Epic

Denn eigentlich wird gar nicht nach vorn oder auf die Gegenwart geschaut, sondern zurück. Um die Geschichte von Epic Mickey einzurahmen, wurden dem Disney-Universum eine Reihe vergessener Figuren entliehen. Oswald der lustige Hase beispielsweise - die Antwort der Comicwelt auf Pete Best oder Buzz Aldrin kennt wohl kaum noch jemand. Auch das schwarze Phantom war nie ein richtiger Mega-Star. Und die wenigsten werden wissen, dass die Gremlins nicht nur eine Horrorkomödie aus den Achtzigern sind, sondern auch eine Gruppe hinterlistiger Disney-Figuren.

In Epic Mickey haben alle diese vergessenen Charaktere eine eigene Welt, einen limbusartigen Ort, genannt Cartoon Wasteland, in dem sie gezwungen werden, eine Ewigkeit auf ein Publikum zu warten. Eine kreative, brillante Idee und Warren Spector schenkt den "Think Tanks" von Disney, einer Gruppe von Experten, die viel zu dem Grundkonzept beigetragen haben, während seiner Präsention auch eine Menge Dank für diesen Einfall.

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In der Introsequenz des Spiels, die Spector vorführt, wird Micky Maus von einer schwarzen Masse geweckt, die ihn in dieses Ödland mitzieht. Der erste Teil des Spiels läuft laut Spector einfach darauf hinaus, eine Antwort auf die Frage "Wo bin ich?" zu finden. Und weil Micky in einer Foltermaschine (!) festgezurrt ist, scheint dies eine durchaus relevante Überlegung zu sein. Das langohrige Kaninchen Oswald taucht glücklicherweise auf und rettet Micky und dann wird das Abenteuer spielbar.

Mickys Hauptfähigkeiten, sein Pinsel und seine Farben, die entweder auf kreative oder destruktive Weise eingesetzbar sind, werden früh eingeführt. Am Anfang des Levels sehen wir, dass Teile einer Treppe fehlen, und mit ein paar einfachen Schwüngen mit der Wii-Steuerung werden neue Stufen hinzugemalt. Micky hat außerdem einen Farbverdünner, der dazu benutzt werden kann, die Teile der Welt auszulöschen, die man loswerden will.

Nach einer Weile trifft Micky auf... tja, das ist wohl Donald Duck, aber irgendwie auch nicht. Seine Augen sind rot und er besteht aus mechanischen Teilen. Aber dem nicht genug, die Cyborg-Ente (die von dem verzweifelten, einsamen Oswald zusammengebastelt wurde) muss repariert werden und Micky bekommt den Auftrag, mechanische Ententeile zu finden, die überall im Level verstreut liegen. Es bleibt uns selbst überlassen, diesen Auftrag auszuführen oder nicht.

Und nach diesem Konzept wird der größte Teil von Epic Mickey funktionieren. Es gibt große Welten, in denen selbst entschieden werden muss, welche Verpflichtungen man auf sich nimmt. Über die Nebenaufträge gibt es Belohnungen wie etwa "Sketches", Skizzen von Fähigkeiten, die gleichzeitig mit neuen Einsatzmöglichkeiten verbunden sind. Eine von diesen ist eine Uhr, mit der durch einen Klick auf das Steuerkreuz die Zeit verlangsamt wird. Das ist in den Plattformsequenzen des Spiels sehr praktisch und laut Spector haben Testspieler Probleme mit Hilfe von Kombinationen von Fähigkeiten gelöst, die er und sein Team niemals vorhergesehen hatten.

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Selbst der Spielstil an sich bietet eine gewisse Wahlfreiheit. Werden Pinsel und Verdünner zum Erschaffen oder zum Zerstören benutzt? Je nachdem, wie die Aufträge angenommen werden und wie die Malerausrüstung zum Einsatz kommt, wird eine gute oder (beinahe) böse Micky Maus heranwachsen. Mickys Eigenschaften und sogar seine Animationen verändern sich, je nachdem, ob ein erschaffender oder ein zerstörerischer Spieler am Werk ist und auch die Nebenfiguren des Spiels werden von Handlungen beeinflusst. Das stimmt absolut damit überein, wie Micky Maus über die Jahrzehnte hinweg beschrieben wurde - rufen wir uns nur in Erinnerung, was für ein Teufel Micky in Steamboat Willie war. Um die Familien zu besänftigen, versichert uns Spector allerdings, dass Micky im Spiel stets ein Held sein wird. Trotz seiner böseren Eigenschaften.

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Was das Design angeht, so ist es ein Volltreffer. Epic Mickey ist absolut einzigartig, dunkel und kreativ. Cartoon Wasteland ist weit entfernt von irgendeiner fröhlichen Disney-Welt und Warren Spector versichert uns während der Vorführung außerdem, dass "wir noch nicht einmal die wirklich düsteren Schauplätze gezeigt haben". Dass man sich diese Freiheiten genommen und etwas Reiferes angestrebt hat, ist höchst willkommen. Und dass wir einen bösen Micky erschaffen können fühlt sich sonderbar verlockend an. Die Frage ist nur, ob Junction Point und Disney mit diesem Anspruch auch das junge Publikum von heute erreichen?

"Wir erreichen die Jüngeren ganz einfach dadurch, dass wir Epic Mickey als Spiel konzipieren und nicht etwa einen Film oder einen Comic machen. Wii ist bei den jungen Spielern eine beliebte Plattform und trotz des Konzepts rechnen wir damit, dass wir sowohl die Jüngeren als auch die 25- und 30-Jährigen erreichen werden", erklärt uns Warren Spector im Gespräch.

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Trotz des erwachsenen und leicht surrealistischen Designs fällt es schwer darüber hinwegzusehen, dass die ganzen Artworks auf einer Konsole mit besserer Leistung erst so richtig zum Leben erwachen würden. Und dass Epic Mickey in HD-Grafik wirklich wahnsinning toll wäre. Auch wenn das Abenteuer ordentlich ausgearbeitet scheint, bewegt es sich nicht auf dem Niveau eines Super Mario Galaxy. Und wenn man es mit Titeln der HD-Konsolen vergleicht, hat es weit weniger Klasse. Es wirkt einfach etwas trocken und platt auf der Wii. Aber Spector hat nicht ausgeschlossen, dass das Spiel auch für andere Formate kommen kann:

"Sag niemals nie. Ursprünglich sollten wir Epic Mickey für mehrere Formate entwickeln. Mein Ziel war es jedoch, Qualität zu sichern und einer der Wege, wie ich dies machen konnte, war, zu fokussieren. In diesem Fall fokussierten wir auf nur eine Plattform. Das war eine gefährliche Entscheidung, die wir aber getroffen haben. Ich will das beste Spiel aller Zeiten machen und das kann ich nur machen, wenn wir fokussieren", erzählt Warren Spector.

Das Konzept ist hervorragend, die Wiederbelebung alter Charaktere ist eine erfrischende Abwechslung und was das Design angeht, ist das Ganze äußerst ansprechend. Bevor Gewissheit darüber herrscht, ob das Spiel hält, was es verspricht, braucht es jedoch mehr Informationen über den Aufbau der Welten und darüber, wie sich die Steuerung tatsächlich anfühlt. Wenn Micky Maus aber nun mal wiedergeboren werden soll, ist dies eine sehr frische Art, das zu tun. Dies kann mit Sicherheit für viele das Lieblingsspiel des kommenden Jahres werden und das nicht nur für große Disney-Fans.

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